mal wieder auf anfang

Erschienen: (2018)  Von: Peter Funken

St. Thomas liegt am nördlichen Ende des Mariannenplatzes In Berlin-Kreuzberg. Die spätklassizistische Kirche mit ihrer großen Kuppel und den zwei mächtigen Türmen war 1869 nach der Fertigstellung Berlins größter Sakralbau, die Gemeinde sogar die größte evangelische Kirchengemeinde weltweit. Gemeinde wie Gotteshaus erlebten im 20. Jahrhundert mit Krieg und Mauerbau eine äußerst wechselhafte Geschichte. An diesem Ort zeigt Sador Weinsčlucker seine Ausstellung „mal wieder auf anfang ...“. In der Apsis und Teilen des Chors stellt er neun Bilder aus – vier Akte und fünf Raumdarstellungen, wobei bereits diese Bezeichnungen nur irgendwie stimmen.

 

Kircheninnenraum, so Weinsčlucker, sei aufgrund von Wandhöhe und Ornamentierung eine Herausforderung bei diesem Ausstellungsprojekt. Mit seiner Konzeption für die Thomaskirche stellen sich aber noch weitere Fragen, vor allem sind es inhaltliche – so wird z.B. bei „mal wieder auf anfang ...“ das Verhältnis von Bild, Darstellung und Bedeutung thematisiert. Dies insbesondere angesichts der Tatsache, dass der wort- und textgläubige Protestantismus von Beginn an alles bildliche Narrative und Symbolische, eigentlich jede Art von Malerei wie auch figürlichen Skulpturenschmuck als glaubensfern und verwerflich abgelehnt hat. Wie Luther es übersetzte, stand für Protestanten immer das Wort am Anfang, nicht das Bild - dies im Gegensatz zum bilderfreundlichen Katholizismus.

 

Und nun hier der Maler Sador Weinsčlucker, der in realistischer Form malt - doch Vorsicht, er ist kein naiver Realist, denn er glaubt nicht an die eine Wahrheit, er weiß, dass nichts so ist, wie es scheint. In seinem Werk entstehen Stillleben, er malt unspektakuläre Stadtarchitektur, Tankstellen und auch nackte Menschen; letztere stellt er in schwer zu identifizierenden Räumen dar, an Treppenaufgängen, vor Wänden. Auch Innenräume ganz ohne Person sind Weinsčlucker bildwürdig. Obwohl Menschen-leer, wirken sie doch nicht tödlich leblos, eher wie verlassen, so als käme gleich jemand zurück. Solche Leere wirkt seltsam vital: Es mag sich dieser Eindruck auch deshalb einstellen, weil der Künstler uns BetrachterInnen mit seiner gekonnt gemachten Ölmalerei zu verführen weiß, hinzuschauen und nach einer Geschichte für das Bild zu suchen. Ob es sie gibt, oder nicht, sei dahingestellt, aber es ergeht durch Weinsčluckers Malerei ein Angebot, mit dem Sehen in eine Zwiesprache mit dem Bild zu treten. Der Maler macht uns seine Offerte in Form von Malerei, das heißt, aufgrund von kompositioneller Gestaltung und maltechnischer Bearbeitung von zweidimensionalen Oberflächen. So kann sich Illusion und Imagination entzünden. Dass sich damit Gedanken einstellen, verdankt sich allein seiner Kunst.

 

Weinsčlucker stellt im Bild dar, wir können uns einlassen – und dann können wir etwas erleben und sollten auf alles gefasst sein: Zum Beispiel (ich spreche für mich) den schockierenden Moment, auf mich zurückgeworfen zu sein – damit beginnen meine Erlebnisse, vor einem leeren Interieur, dessen Wand blutrot ist, als sei darin ein dunkles, pulsierendes Leben verborgen. Der Maler macht mich zum Empfindenden, vielleicht sogar zum Komplizen? Aber von was? Wenn ich das Bild mit der roten Wand anschaue, steige ich in eine Wirklichkeit ein, in Weinsčluckers Wirklichkeit? Zugleich wird es meine. Eine einzige Wirklichkeit und damit Wahrheit gibt es nicht, so zeigt es mir der Künstler mit seinen Bildern.

 

Damit bringt Weinsčluckers Kunst weitere Fragen nach vorne, die in die Richtung der Gedanken zielen, was man denn eigentlich hier im Kirchenraum macht und will, beim Sehen solcher Bilder von leeren Räumen und nackten Menschen. Das ist eine Frage nach der Existenz – im Bild, in der Kirche, in mir – und damit sind wir beim eigentlichen Thema angelangt, denn mit der Malerei Sador Weinsčluckers stellt sich immerzu diese Frage, was denn nun sei, was wir denn machen werden, wo doch, wie seine Stillleben zeigen, die Feier vorbei ist und nur noch leere Flaschen, umgestürzte Gläser, Speisereste, runtergebrannte Kerzen auf dem Tisch stehen. Ein klassischer Fall für Priester und Künstler, es geht hier um Vanitas – Vergänglichkeit ... „Mensch, gedenke deines Ende!“ - und darum, wie man Vanitas darstellt.

 

 

Hier zeigt sich – nein, Weinsčlucker zeigt, was Malerei heute kann und sollte – es wird keine Geschichte nacherzählt, vielmehr werden neue Verbindungen aufgezeigt, also das Wechselhafte und Schwankende von heute mitgedacht – wir sind mitten in der Geschichte, wissen ein wenig von ihrem Anfang, aber nichts von ihrem Ende. Das mitzuteilen, bedeutet Realist zu sein.

 

Und so etwas in dieser Kirche, wo Fragen nach Leben und Tod für die Menschen aufgeworfen werden am Beispiel einer tragischen, tödlich endenden Story, die dann aber schlussendlich ein Happy End haben will – mit Auferstehung und Paradiesvorstellung – vorausgesetzt, man glaubt diesen Glauben und nimmt seine Andeutungen, Auslegungen, Anforderungen und Zumutungen ernst.

 

Wir können ruhig davon ausgehen, dass die Bilder Sador Weinsčluckers in der Thomaskirche sein freier Kommentar zu dieser christlichen Konzeption des Menschen ist. Nur das Happy End, die beglückende Apotheose, damit tut er sich schwer, sie ist nicht in den Bildern zu finden. Oder doch, aber dann woanders, denn in einer sehr menschlich vermittelten Art liegt ein Happy End womöglich in der Haltung und Handlung des Künstlers, der eine Wand - damit eine ganze Welt - so zu malen weiß, als würde sie atmen. In diesem Gedanken entsteht mit Weinsčluckers Kunst so etwas wie Sinn, ein Verständnis und die tiefe Bejahung unserer Existenz – angesichts und trotz der Leere und Entblößtheit, die uns oft umfängt und mit der wir uns auseinander setzen müssen, spätestens dann, wenn das letzte Glas ausgetrunken ist.

 

Peter Funken