Sador Weinsčlucker

Erschienen: Katalog: gestern nachts(2013)  Von: Lisa Sintermann

Sador Weinsčlucker verfolgt eindringlich ein klassisch-malerisches Konzept und führt uns zurück zu einem der ursprünglichsten Sujets der bildenden Kunst, der Porträt- und Stilllebenmalerei. Keine Hinwendung zur Abstraktion oder zum Konzeptuellen, kein Bezug zur Leipziger Schule, keine Erweiterung ins Installative oder Skulpturale.

Weinsčlucker besinnt sich auf das Wesentliche. Die Intimität und Schonungslosigkeit seiner figurativen Malereien erinnert an das Spätwerk des britischen realistischen Malers Lucian Freud. In Weinsčluckers Arbeiten ziehen sich Schleier über die Gesichter der Protagonisten und ihre Gesten verlieren sich im dunklen Bildhintergrund. Mal scheint ein dumpfer Farbschimmer ihrer Kleidung unter den Ölschichten hindurch, mal nicht. Ganz selten dröhnt uns eine grelle Farbfläche entgegen, wie ein Versuch, aus dieser klammen Atmosphäre auszubrechen. Dem Künstler geht es um die menschliche Existenz, und zwar um ihren ungeschönten, direkten Kern. Oftmals sind die Porträtierten in Weinsčluckers Bildern Menschen, die er kennt. Die Gesichtszüge wirken vertraut, und doch distanziert. Die Haltung der Frauen und Männer ist kraftvoll und aufrecht, manchmal ungewöhnlich verrenkt. Um sie herum sieht es spärlich aus. Eine Sofakante, ein angedeuteter Tisch, ein verhülltes Fenster im Hintergrund. Wir suchen in den Bildern des Künstlers vergebens nach einem Hinweis zur Außenwelt und die Porträtierten, die jeglicher Verbindung entsagt sind, wirken isoliert. Selbst die dargestellten Paare sind nicht vor der Einsamkeit gefeit.

Weinsčluckers Stillleben und Darstellungen von Innenräumen handeln von nichts anderem als seine Porträts, nämlich von ihrem bloßen Dasein. Der Künstler platziert die Gegenstände in ebenso isolierten Räumen, vereinzelt und in grelles oder dumpfes Licht getaucht, so dass ihre Zustände, und weniger ihre äußere Erscheinungsform, in den Vordergrund treten. Sich ansammelnde Weinflaschen auf dem Küchensims, eine hastig aufgeschlagene Bettdecke, eine in die Ecke gestellte Pritsche, ein gerade eben noch benutzter Stuhl, ein glänzender Wasserhahn, ein leeres Waschbecken. Zeugnisse von einsamen, sterilen, melancholischen oder hoffnungsvollen Momenten.

„Alles ist autobiografisch, und alles ist ein Porträt, selbst wenn es ein Stuhl ist“1, sagte einst Lucian Freud. In Weinsčluckers frühen Zeichnungen, Grafiken und Malereien der 80er- und 90er-Jahre beschäftigte er sich mit kompromisslosen und anklagenden Motiven. Grobe und entstellte Körper in verschlossenen Räumen, die uns an die schockierenden Gestalten Francis Bacons denken lassen, dominierten. Weinsčluckers radikale künstlerische Haltung ist einer subtileren Herangehensweise gewichen. Die Werke des in Berlin lebenden Künstlers, geboren 1957 in München, wurden u.a. im Projektraum Kunstfabrik Berlin, dem Berliner Salon Rahel Varnhagen, der Kunsthalle Vilnius und dem Ballhaus Düsseldorf gezeigt.

1 Feaver, William, Lucian Freud, Ausst.-Kat., Tate Britain, London, London 2002, S. 47.