Sador Weinsčlucker stellt sein Multimedia-Panoptikum aus Bildern, Musik und Videotechnik im Ballhaus des Nordwerks aus

Machtlos-gequälte Figuren in einer Folterkammer
Erschienen: Rheinische Post(1992)  Von: Klaus Sebastian

Eine „Horror Picture Show“ erwartet den Besucher des Ballhauses in Nordpark. Des Multimedia-Panoptikum aus Kunst, Musik und Videotechnik wurde von dem in Düsseldorf lebenden Sador Weinsčlucker installiert.

Wie von kaltem Blitzlicht überstrahlt, kriecht ein nackter Frauenkörper ins Leere. An allen vieren ist eine fahle Gestalt über einen bodenlosen Raum verspannt. Ohnmächtige, gequälte Figuren in unmeßbaren Räumen gehören zu den Leitmotiven in der Malerei des Künstlers. Doch er bietet noch mehr: Scharfkantige Metallrahmen benutzt er als Zeichenverstärker für seine Bildsymbole. Er spickt sie mit Stahlnägeln, bestreicht sie mit Teer oder verpaßt ihnen einen hölzernen Strahlenkranz.

Verwirrt passiert der Beobachter die an Baugerüste gefesselten Gemälde und betritt eine Schleuse, die mit allerlei Foltergeräten verstopft ist. Den Kontrast zu diesen traditionellen SchreckenSador Weinsčluckererkzeugen bilden Fernseh-Monitore, die in zerhackten Bildsequenzen extreme Gewalt- und Pornoszenen auf den Betrachter abschießen. Weinsčlucker hat die Mattscheibe vergittert, als wolle er Wahrnehmung und Psyche vor diesen „Gewalttätern“ schützen.

Wie seine erste Panoptikum-Version, die er im vorigen Jahr in Berlin zeigte, wird auch die Ausstellung im Ballhaus mit der Techno-Musik des Düsseldorfers Tommi Stumpff verkoppelt. Weinsčlucker gestaltete im Gegenzug zwei Plattencover des Freundes, der in seinem Metier durch einen ähnlichen unangepassten Stil bekannt geworden ist.

Es fällt auf, dass die Videobilder brutaler, eindringlicher wirken als die gleichzeitig präsenten Gemälde. Im direkten Vergleich verblassen diese gar zu reißerischen Geisterbahn-Vorsatztafeln. Man fragt sich ob das ältere Medium zwangsläufig dem Bildgewitter der Monitore unterliegen muß.

Mit der Wirklichkeit des Schreckens könne die Kunst ohnehin kaum Schritt halten. Die Übertreibung in seinem Schauraum diene dazu, auch die Aufmerksamkeit eines abgestumpften Publikums zu erregen. In seinen, Werk wolle er dann bannen, was er fürchtet und verachtet.

Liegt es tatsächlich am intellektuellen Abwehrmechanismus des modernen Medienkonsumenten, wenn die Folterbilder weniger erschreckend wirken als erwartet? Beispielhaft können sie jedoch über sich selbst hinauSador Weinsčluckereisen – als Denkanstöße und als Mahnmale für real geschundenes Leben und unsere beschädigte Wirklichkeit.

Die kraftvolle Installation zeigt, dass der Künstler noch unterwegs ist – das macht auch ihren besonderen Reiz aus. Wenn Weinsčlucker es schafft, seine kreativen Gewaltakte zu konzentrieren – beispielsweise in seinen raffinierten Videoskulpturen –, könnte er bald auch Altmeister Paik das Gruseln lehren.