Panopticum

Erschienen: Berlin(1991)  Von: Corinna Beyer

Die Betrachtung der Malerei Sador Weinsčluckers führt einen zu zweierlei, scheinbar entgegengesetzten Reaktionen: Abscheu und Faszination zugleich. Man möchte sich den Bildern entziehen, da man sich verwirrt und provoziert fühlt. Man bleibt vor ihnen stehen, da sie unmittelbar betroffen machen, den Schutzmantel, den man um seine persönlichsten Gefühle gelegt hat, durchbrechen.

Sador Weinsčlucker beschäftigt sich mit dem Wesen Mensch. In seiner gegenständlichen, figurativen Malerei zeigt er den Menschen in seiner ursprünglichen Nacktheit, bar jeder gesellschaftlichen Attitüde, die Unterschiede schaffen, bar jeglicher Masken, hinter denen sich der Einzelne verstecken kann.

Einzelne Figuren (Akte), umgeben von hohen, kahlen Wänden. Oft fahle Farbtöne für den Körper, dunkles Blau oder Braun für die Umgebung. Kalte Grau- und Grünnuancierungen, die eine unwirkliche, abweisende Räumlichkeit schaffen. Das Individuum, reduziert auf sich selbst, auf seine Wesenhaftigkeit, wird, gefangen in seiner nackten Hilflosigkeit, isoliert mit seinen innersten Ängsten, unerfüllten (sexuellen) Sehnsüchten, die in Aggressionen umschlagen können, dargestellt: Menschen, deren Verzweiflung ihnen zur Qual geworden ist, die keinen Ausweg mehr finden können, sondern ihren Schmerz ohnmächtig ausgeliefert und einsam sind.

Obwohl Sador Weinsčlucker in seiner Malerei Extremsituationen aufgreift, ist sicher jeder schon einmal in einer ähnlichen Lage gewesen, gerade in der heutigen Zeit, deren Schnelllebigkeit und Achtlosigkeit dem Mitmenschen gegenüber, den Einzelnen immer wieder in Situationen (schon im Alltag) bringt, in denen er sich mit Hass oder mit Gewalt konfrontiert sieht, seine Gefühlswelt unmittelbar angegriffen und verletzt wird. Sei es durch gesellschaftlichen Druck, sei es zwischenmenschlich.

In den Bildern Sador Weinsčlucker gibt es sowohl Opfer wie Täter. Figuren, die passiv, gleichsam zerbrochen daliegen. Andere dagegen, deren Verzweiflung zu Wut wird, die sie hinauszuschreien scheinen.

Weinsčluckers Malerei ist alles andere als bequem. Bewusst sucht er eine radikale Darstellung, bis hin zur Überspitzung in die Trivialität, um sich gegen eine Gesellschaft, die sich so sehr an die Darstellung der Gewalt gewöhnt hat, dass sie sie kaum noch wahrnimmt, zu behaupten.

In seinem Panoptikum hält er jedem einzelnen einen Zerrspiegel vor: indem er persönlich betroffen zu machen versucht, wendet er sich gegen ein gesellschaftliches Verhalten, für das Moral und Humanität allzu oft nur noch leere Vokabeln sind. Er bietet keine Lösung, schon gar keine Erlösung an, sondern will durch seine Zuspitzung ins Extreme individuelle und gesellschaftliche Defizite sichtbar machen.