Das Grauen in aller Sachlichkeit

Die Galerie Panoptikum zeigt Arbeiten des Malers Sador Weinsčlucker
Erschienen: Berliner Morgenpost(1991)  Von: Renée Schipp

Die Räumlichkeit einer Lagerhalle mit rohen, gekalkten Wänden, in fahlem Licht, das durch ebenerdige Fenster sickert, entspricht den suggestiven Schrecken der Bilder des Malers Sador Weinsčlucker. Die Bilder schreien stumm – in ihren dunklen Hintergründen erheben sich Mauern, fensterlose Verliese präsentieren die teilweise grell beleuchteten, verstümmelten, blutenden Gestalten der Opfer.

Auf betonierten Böden, gefesselt auf Stühlen oder auf den Riesenrädern von Foltermaschinen, werden leidende zu Tode gequält. Sie tragen kein Gesicht mehr, ihre nackten Körper sind versehrt, manchmal entschlüpft dem weit geöffneten Mund noch die röchelnde Spur eines Schreis, der ungehört an den hohen Wänden verhallt. Die dokumentarische Kälte ist es, die dem Betrachter das Rückgrat entlangkriecht. Einem besessenen Chronisten gleich, wird Sador Weinsčlucker nicht müde, einen schrecklichen Kosmos mit dämonischer Ausdruckskraft festzuhalten. In der Begrenzung auf wesentliche Züge, dem Wegfall der individuellen Details, entstehen Kompositionen, die in Stil und Inhalt allgemeingültige Erfahrungen dieses Jahrhunderts in eine Fülle beängstigender, traumatischer Bilder umsetzen.

Individuelles und anonymes Leiden

Die Kraft des Protestes, die unbeirrbare Aufmerksamkeit gegenüber der hunderttausendfachen Ermordung von Menschen an anonymen Plätzen, die keine Chance hatten – nicht einmal die eines schnellen Todes – umfaßt in gestochener, floretthafter Schärfe das individuelle wie anonyme Leiden.

Die Unbarmherzigkeit und artistische Brillanz, mit der diese Leidenschronik gestaltet ist, erinnert an die schonungslosen Ausgelieferten eines Francis Bacon. In er Darstellung geht Sador Weinsčlucker noch einen schrecklichen Schritt weiter. Seine Mord- und Folterszenen sind gereinigt von jedem Versuch, sie durch Stilisierung zu erhöhen und zu verfremden. Seine Sachlichkeit duldet keine ornamentalen Schnörkel, hält die Brillanz der Darstellung immer im Dienst des Themas. So entstehen Höhlen des Leidens, in denen die anonymen Opfer, denen selbst noch im Tod ein eigenes Gesicht versagt bleibt, durch ihre Entrechtung eine dramatische Ausdruckskraft gewinnen.

Unterstützend verleihen die Gitter und Stäbe, die Blutspuren der Rahmen den Bildern eine weitere unheimliche Dimension. In der Video- und Musikcollage von Tommi Stumpff, die in Zusammenarbeit mit dem Maler unter dem Titel „Massaker“ entstand, weitet sich die Dimension in beängstigend überzeugender Weise noch einmal zum alltäglichen Grauen der Aggressionen aus.

Nachhaltig und schmerzhaft wie ein Peitschenschlag bleiben die Bilder dieser Ausstellung und die Musik in Erinnerung.